Dokumentarfilm, D 2008, 85 min
Regie: Shaheen Dill-Riaz

Der mit insgesamt 8 Preisen prämierte Film, darunter der Grimme Preis, konfrontiert uns mit einem ausgeklügelten System von Ausbeutung und Abhängigkeit. Dill-Riaz zeigt in seiner „bildgewaltigen Parabel auf den globalisierten Kapitalismus" (Junge Welt) „wie Wohlstand auf Kosten verzweifelter Seelen produziert wird" (Der Spiegel).

Die Früchte des Meeres sind für viele Menschen in Bangladesh nicht mehr Fisch, sondern ausgemusterte Tanker und Containerschiffe. Wie gewaltige Walfische liegen die Eisengiganten gestrandet in Abwrackwerften am Golf von Bengalen. Von Tausenden Saisonarbeitern werden die ausgemusterten Schiffe aus den Industrieländern mit primitivsten Mitteln filettiert, in Metallplatten zerlegt und verkauft. Was als metaphorisches Bild noch einen gewissen Optimismus freizusetzen vermag – großer Fang gleich weniger Hunger –, erweist sich in der Realität jedoch als trügerisch. Denn das Glücksversprechen, der heute zu den weltweit größten zählenden Abwrackhäfen um die Stadt Chittagong, das einst mit einem zufällig aufgelaufenen Schiff begann, hat sich mit der Zeit in eine dunkle Hölle aus Schweiß und Stahl verwandelt. Zwar profitieren einige von dieser Industrie, insbesondere Geschäftsmänner und Händler. Für die einfachen Arbeiter jedoch verkehrt sich der vermeintlich lukrative Job zum verhängnisvollen Kreislauf aus körperlicher Schinderei, teilweise nicht einmal ausbezahlten Hungerlöhnen und Schuldenfalle.

Dill-Riaz überzeugt in seinem herausragenden Film durch die Dichte und Präzision der Beobachtung. Die archaisch anmutenden faszinierenden Bilder kombiniert er mit seinem Interesse für die Einzelnen, deren Wegen er folgt, in deren Hütten er geht. Dadurch entgeht er nicht nur einer Romantisierung, sondern legt die Perfidie eines Systems bloß, das unter anderem darauf beruht, keine Solidarität zwischen den Arbeitern zuzulassen.
Durch die mit Ruhe und Poesie montierten Bilder gelingt es Dill-Riaz, das Besondere dieses Angriffs auf die Menschenwürde ebenso sichtbar zu machen wie das Universelle – jeden Tag geschieht Ähnliches in indischen Kohlebergwerken, asiatischen Sweatshops, afrikanischen Minen oder auf taiwanesischen Sklavenschiffen. Mit dem Herausgreifen von Einzelschicksalen, gelingt es ihm, der Ausbeutung ein menschliches Gesicht zu geben."

Es sind Bilder einer unfassbaren Ungerechtigkeit, einer menschlichen Tragödie, die sich fern der öffentlichen Aufmerksamkeit in einem bitteren Kreislauf der Perspektivlosigkeit abspielt.
Eine mutige, beeindruckende Recherche an einem der ungewöhnlichsten, härtesten und brutalsten Arbeitsplätze der Welt.

Während ein Beschluss des obersten Gerichtshofs nach Ausstrahlung des Films die Werften jetzt zum Einhalten höherer Umweltstandards zwingt, bleibt das Problem der unmenschlichen Arbeitsbedingungen der „Eisenfresser" weiter ungelöst.

Homepage zum Film: http://www.eisenfresser-film.de/Eisenfresser.html

ARTE-Interview mit dem Regisseur Shaheen Dill-Riaz
22.04.09

ARTE: „Eisenfresser“ erzählt mit schönen Bildern von etwas sehr Schrecklichem. Wie passt das zusammen?
Shaheen Dill-Riaz: Man muss die Dinge so zeigen, wie sie sind. Die Welt ist voller Widersprüche und diese Widersprüchlichkeit ist auf den Abwrackwerften sehr präsent. Das macht den Film umso schmerzhafter. Als Außenstehender steht man vor einer Gewissensfrage, weil man von den Bildern fasziniert ist, die menschliche Geschichte aber so unfassbar ist. Das ist das Dilemma, das in dem Film steckt – das war durchaus gewollt.
ARTE: Sie zeigen die Lage der Arbeiter in Ihrem Film auf eine respektvolle, wenn auch sehr direkte Weise. Wie wurde während des Drehs auf Ihre Anwesenheit reagiert? Gab es Momente der Scham?
Shaheen Dill-Riaz: Wenn man Zugang zur Sprache und Mentalität der Menschen hat, die man filmt, dann ist ein persönlicher Zugang möglich, bei dem Scham keine große Rolle spielt. Problematisch war eher, dass ich auch an der Perspektive der Arbeitgeber interessiert war. Ich durfte die bestehenden Hierarchien und Sitten nicht verletzen. Wenn ich z.B. mit Arbeitern zum Tee verabredet war, ich aber zuvor ein Gespräch bei der Werftleitung hatte, konnte ich auf keinen Fall direkt aus der Chefetage zur Teebude laufen, sondern musste warten, bis der Chef die Werft verlassen hatte.
ARTE: Sie leben heute in Berlin. In Ihren Filmen thematisieren Sie jedoch Bangladesch, Ihre Heimat. Warum?
Shaheen Dill-Riaz: Ich bezeichne auch Deutschland als meine Heimat. Außerdem hoffe ich, dass es sich nur auf den ersten Blick um bengalische Filme handelt. Sie spielen zwar in Bangladesch, im Mittelpunkt stehen aber immer persönliche Geschichten, die Menschen aus allen Ländern zugänglich sein sollen.
ARTE: Was zog Sie nach Deutschland?
Shaheen Dill-Riaz: Das Kino! Meine Freunde und ich waren schon in unserer Jugend sehr am europäischen Film interessiert, der immer großen Einfluss auf das bengalische Kino gehabt hat. Mich faszinierte besonders der Neue Deutsche Film. Herzog, Fassbinder, Wenders – das waren meine großen Idole. Wir wollten nie nach Hollywood, unser Herz schlug für das europäische Kino. Dass es mich dann über ein Sprachstipendium tatsächlich nach Deutschland verschlagen hat, war ein glücklicher Zufall.
ARTE: Was halten Sie von dem Vorwurf, dass Dokumentarfilme vom Reiz des Exotischen profitieren?
Shaheen Dill-Riaz: Der Mainstream bevorzugt natürlich ein oberflächliches Schwarz-Weiß-Bild der Fremde – in den bengalischen Medien überwiegt ja auch ein klischeehaftes Bild von Europa. Es gibt gerade in Europa jedoch eine lange Tradition anspruchsvoller Dokumentarfilme, durch die es Regisseuren gelingt, ein Gegenbild zu existierenden Klischees zu zeichnen.
ARTE: Kürzlich hat der oberste Gerichtshof von Bangladesch verfügt, dass die Werften striktere Umweltauflagen einhalten müssen. Ist die bengalische Gesellschaft auch an der Lage der Abwrack-Arbeiter interessiert?
Shaheen Dill-Riaz: Es ist überall bekannt, dass die Arbeitsbedingungen auf den Abwrackwerften sehr schlimm sind und natürlich herrscht eine gewisse Empörung darüber. Aber leider sind diese Zustände in Bangladesch keine Ausnahme. Schlimme Arbeitsbedingungen gibt es dort überall. Wenn man die Arbeitgeber der „Eisenfresser“ verurteilen wollte, müsste man die gesamte bengalische Industrielandschaft anklagen.
ARTE: Wie war die Reaktion der Arbeitgeber auf Ihren Film? Haben Sie im Nachhinein Ärger bekommen?
Shaheen Dill-Riaz: Sie fühlen sich durch den Film nicht angegriffen und ich wollte sie auch nicht gezielt anklagen sondern auf ein grundlegendes Problem aufmerksam machen. Die Werftbesitzer sagen: „Die Arbeiter aus dem Norden sind doch arme Schweine. Sie können mir dankbar dafür sein, dass ich ihnen Arbeit gebe!“ Es ist die Gesellschaft, die ihnen das Recht dazu gibt.
ARTE: Vor Kurzem gewannen Sie für „Eisenfresser“ den Grand Prix des Tokyo Global Environmental Film Festivals und widmeten ihn den Werftarbeitern. Sie sagten, diese täten einen Dienst an der Zivilisation …
Shaheen Dill-Riaz: Ich habe natürlich von Zivilisation in Anführungszeichen gesprochen. Abwrackung ist Recycling, nicht Verschrottung. Die Arbeit auf den Werften ist Teil einer Produktionskette, die unseren Wohlstand garantiert. Unsere Zivilisation hat einen Preis, der nicht überall gleich hoch bezahlt wird. Die „Eisenfresser“ werden gezwungen, ihr Leben zu riskieren, bekommen dafür aber weder angemessenen Lohn, noch Respekt. Die Anerkennung, die mein Film erfährt, ist für mich auch ein Zeichen der Anerkennung für die Arbeiter.
ARTE: Haben Sie ihnen den Film gezeigt?
Shaheen Dill-Riaz: Sie waren alle zur Filmpremiere eingeladen und waren begeistert. Ein älterer Mann sagte mir danach: „Ich arbeite seit fast 30 Jahren auf der Werft, diese Bilder sehe ich jeden Tag. Aber mich so auf der Leinwand zu sehen, das hat mir das Herz gebrochen.“ Im Kino haben Bilder eine ganz andere Bedeutung als in der Realität. Ihre Arbeitsbedingungen konnte der Film im Gegensatz zu der Umweltsituation bisher noch nicht verbessern. Aber zu wissen, dass andere ihre Arbeit im Detail miterleben können, macht die Arbeiter zumindest stolz.

Das Interview führte Johannes Schwerdtfeger

Hilfsprojekt:

Der gemeinnützige Verein „NETZ Bangladesch e.V.“ setzt sich für die Verbesserung der Lebensbedingungen der Arbeiterfamilien im Norden des Landes ein. Nähere Informationen hierzu finden Sie unter www.netz-bangladesh.de