Raumpioniere in ländlichen Regionen
Neue Wege der Daseinsvorsorge
Faber, Kerstin/ Oswalt, Phillipp (Hg.), Verlag Spector Books, 2013

Eine Streitschrift aus Sachsen-Anhalt

Mehr Handlungsspielräume, mehr Bürgerinitiative, weniger Staat !
Das im März 2013 herausgegebene Buch sucht Antworten auf die akute Frage, wie Bürger und Politik mit der Schrumpfung im ländlichen Raum umgehen können. Es analysiert den Status quo ländlicher Regionen, skizziert Konzepte einer neuen Raumpolitik, stellt ein Dutzend Projekte aus der Praxis vor und führt hierzu eine Debatte mit Raumpionieren, Politikern, Wissenschaftlern und Künstlern. Es werden Lösungsansätze vorgestellt, die einerseits mehr Eigenverantwortlichkeit von den Bürgern und andererseits einen passenden rechtlichen Rahmen, der den Raum für die Selbstorganisation schafft, von der Politik erforderlich machen. Für drei Regionen Sachsen-Anhalts werden z.B. Szenarien im Jahr 2050 entworfen – für den Harz, Anhalt und die Altmark. „Die Szenarien sind ein Versuch, mit aufgeworfenen Themen und Fragestellungen weiterzuarbeiten, in einem größeren regionalen Kontext", so die Mitherausgeberin Kerstin Faber.

Die Bewältigung des Demografieproblems ist auch ein Wettstreit der Weltanschauungen
Die meinungsstarken Thesen und Zukunftsszenarien des Buches haben bereits kurz nach Erscheinen in Sachsen-Anhalt eine lebendige Debatte ausgelöst.
Philipp Oswalt, Direktor der Stiftung Bauhaus Dessau und Mitherausgeber des Buches, sieht in der ausdünnenden Besiedlung den Grund darin, dass sich eine flächendeckende gleich gute Versorgung für alle nicht mehr bezahlen lässt. „Wir müssen die Art der räumlichen Hierarchien hinterfragen. Die klassische Idee der Daseinsvorsorge ist doch, dass jede Kommune beispielsweise eine Kita, eine Schule, eine Arztpraxis und vieles andere vorhält. Unsere Idee ist, die Dinge großräumiger zu betrachten. Wir wollen weg vom Prinzip der zentralen Orte, hin zu einer Cloud, einer Wolke. Die Idee der Cloud ist angelehnt an die Computerwelt. Dort bedeutet das, ich habe meine Daten nicht auf dem eigenen Rechner gespeichert, aber immer Zugriff darauf. Übertragen auf den ländlichen Raum sagen wir: Nicht in jedem Ort muss alles vorhanden sein, sondern es muss gewährleistet sein, dass jeder darauf Zugriff hat.“ (MZ, 19.3.13) Wir müssen bereit sein, so Oswalt, Dinge anders zu denken.

Landtagsabgeordneter Ralf Bergmann (SPD) hält zahlreiche Thesen des Buches für unausgegoren. "Man darf die Landbewohner nicht zu Buhmännern abstempeln, die an allem Schuld sind", widerspricht er den Überlegungen der Autoren. Völlig aus der Luft gegriffen findet er die Anlehnung an die Computer-Cloud. „Ich glaube Herr Oswalt sitzt selber auf einer Wolke und ist zu weit weg von der Wirklichkeit". (Volksstimme, 28.3.13)

Bei dem Buch handele es sich nicht um eine Studie, sondern um erste Bilder als Diskussionsgrundlage, so Kerstin Faber. In ihrer Vision organisieren die Bürger des ländlichen Raumes alternative Angebote zur Daseinsvorsorge, in Genossenschaften, Netzwerken, Kooperativen. Das schaffe neue Handlungsspielräume. Dazu müssten natürlich aktuelle Hürden in der Bürokratie abgebaut werden. Wichtig sei es auch, jeden in diesem Prozess mitzunehmen. (vgl. Volksstimme, 27.3.13)

Stiftung Bauhaus Dessau 2013
Edition Bauhaus 35
Verlag Spektor Books
ISBN 978-3-940064-58-5
214 Seiten, 25,00 €

Zum ZEIT-Artikel "Landflucht: Sollen wir die Dörfer aufgegeben?"